Kulturpolitik

Tatort: Kantonsrat, Tatbestand: Kulturfeindliche Entscheide

Der St. Galler Kantonsrat will den Lotteriefonds zu Lasten der Kultur umbauen. Und er streicht auf kurzfristigen Antrag der SVP einen Beitrag an die Kulturkalender-Plattform Minasa. Ein Parlament, das per Hüftschuss politisiert und Staatsaufgaben zur Lotterie macht, schwächt sich und den Kanton, kritisiert die igKultur Ost.

Den Scha­den haben die Kul­tur­ver­an­stal­ter: innen, die In­sti­tu­ti­o­nen und das Pu­bli­kum. Einen Scha­den, des­sen Aus­mass noch nicht ab­zu­se­hen ist. Das be­trifft gleich zwei Ent­schei­de, die das
St. Gal­ler Kan­tons­pa­r­la­ment diese Woche ge­fällt hat. Täter: die do­mi­nie­ren­de bür­ger­li­che Mehr­heit im Rat.

Kul­tur­feind­lich
Tat­zeit Mitt­woch: Die Frak­ti­o­nen von SVP, FDP und Mitte-EVP rei­chen eine Mo­ti­on ein, die einen weit­ge­hen­den Umbau der Lot­te­rie­fonds-Ver­ga­be­pra­xis ver­langt. Neu sol­len Bei­trä­ge an Kul­tur, So­zi­a­les und Ent­wick­lungs­zu­sam­me­n­a­r­beit auf 40 Pro­zent ge­de­ckelt wer­den. Kon­kret be­deu­tet dies, dass in Zu­kunft statt der vor­ge­se­he­nen 80 Pro­zent nur noch 40 Pro­zent der Gel­der aus dem Lot­te­rie­fonds für die För­de­rung zur Ver­fü­gung ste­hen. Was ver­hee­ren­de Fol­gen für das St. Gal­ler Kul­tur­schaf­fen hätte: Es wür­den künf­tig meh­re­re Mil­li­o­nen Fran­ken jähr­lich feh­len.

Die Mo­ti­o­näre igno­rie­ren, dass Kul­tur­för­de­rung im or­dent­li­chen Staats­haus­halt so knapp ge­hal­ten wird, dass für jedes grös­se­re Vor­ha­ben Lot­te­rie­fonds­gel­der zwin­gend nötig sind – wie üb­ri­gens in den meis­ten Kan­to­nen. Mit einer De­cke­lung wären zahl­rei­che kul­tu­rel­le, aber auch so­zi­a­le und hu­ma­ni­tä­re Pro­jek­te ge­fähr­det oder wür­den ver­un­mög­licht. Das pro­fes­si­o­nel­le Kul­tur­schaf­fen steht auf dem Spiel.

Die pau­scha­le Ge­ring­schät­zung der Kul­tur lässt aus­ser Acht, dass Kul­tur kein Ne­ben­schau­platz, son­dern ein tra­gen­der Pfei­ler einer star­ken und of­fe­nen Ge­sell­schaft ist. Sie trägt zu Bil­dung, Iden­ti­tät, In­no­va­ti­ons­kraft und Selbs­t­er­mäch­ti­gung der Be­völ­ke­rung bei. Mit Blick auf das Ent­las­tungs­pa­ket 27 des Bun­des hat die Taskfor­ce Cul­ture fest­ge­hal­ten, was auch auf Kan­ton­s­ebe­ne gilt: «In einer Zeit hy­bri­der Be­dro­hun­gen und ge­sell­schaft­li­cher Po­la­ri­sie­rung ist der Schutz kul­tu­rel­ler In­fra­s­truk­tu­ren eine In­ves­ti­ti­on in die de­mo­kra­ti­sche Wi­der­stands­fä­hig­keit des Lan­des».

Will­kür­lich
Tat­zeit Diens­tag: Eine bür­ger­li­che Mehr­heit folgt einem kurz­fris­tig ein­ge­reich­ten An­trag der SVP und kippt den Be­trag von 195'000 Fran­ken zum Be­trieb und zur Wei­ter­ent­wick­lung des Pro­jekts Mi­na­sa aus dem Lot­te­rie­fonds. Mi­na­sa ist die zen­tra­le Da­ten­bank für Events aller Art. Über sie er­rei­chen klei­ne und gros­se Ver­an­stal­ter, Ge­mein­den, Kul­tur­för­der­re­gi­o­nen und Tou­ris­mus wäh­rend 365 Tagen ihr Pu­bli­kum in der gan­zen Ost­schweiz – rund 90'000 An­läs­se pro Jahr fin­den so an die Öf­fent­lich­keit.

Die ig­Kul­tur Ost ist kons­ter­niert, aus de­mo­kra­tie­po­li­ti­schen und in­halt­li­chen Grün­den. Der An­trag wurde hin­ter dem Rü­cken der Fi­nanz­kom­mis­si­on im letz­ten Mo­ment ins Pa­r­la­ment ge­bracht. Damit fehl­te die Zeit, die teils fa­den­schei­ni­gen Ar­gu­men­te und Fehl­be­haup­tun­gen des An­trag­stel­lers ein­zu­ord­nen und zu ent­kräf­ten. Eine sol­che Po­li­tik grenzt an Will­kür. Und sie trifft die Falschen: Die Strei­chung be­trifft aus­ge­rech­net jene Form von Kul­tur­ver­mitt­lung, die von den tra­di­ti­o­nel­len Me­di­en nicht mehr wahr­ge­nom­men wird. Mi­na­sa ist kein wett­be­werbs­ver­zer­ren­des Me­di­en­pro­jekt, wie die SVP un­ter­stellt, son­dern ein breit ab­ge­stütz­tes, der gan­zen Be­völ­ke­rung in der Ost­schweiz zu­gu­te kom­men­des Ver­mitt­lungs­in­stru­ment.

Staats­ge­fähr­dend
Dass der St. Gal­ler Kan­tons­rat über jeden ein­zel­nen Lot­te­rie­fonds­bei­trag be­stim­men kann, ist schweiz­weit ein­ma­lig und an­fäl­lig für sach­frem­de, po­li­tisch mo­ti­vier­te Ein­grif­fe, zu­letzt 2024 gegen den «kleins­ten Ski­lift der Welt». Über den Sport­fonds, no­ta­be­ne, ent­schei­det eine Ex­per­ten­kom­mis­si­on der IG Sport ohne den Kan­tons­rat. Mit ihrer Mo­ti­on zur Neu­ver­tei­lung der Lot­te­rie­fonds­gel­der treibt die bür­ger­li­che Pa­r­la­ments­mehr­heit diese Po­li­ti­sie­rung des Lot­te­rie­fonds jetzt auf die Spit­ze.

Der vor­ge­schla­ge­ne Umbau ge­hört in das Ka­pi­tel «Schwä­chung des Staats», das SVP, FDP und Mitte mit immer neuen Spa­r­pa­ke­ten und Steu­er­sen­kun­gen seit Jah­ren fort­s­chrei­ben. Auf­ga­ben, die zur Kern­tä­tig­keit des Kan­tons St. Gal­len ge­hö­ren, wer­den weg­ge­spart und in Tei­len via Lot­te­rie­fonds not­dürf­tig wei­ter­ge­führt – aber nur, so­lan­ge die Lot­to­gel­der flies­sen. Weil Gel­der aus dem Lot­te­rie­fonds keine Steu­er­gel­der sind und darum eine vo­la­ti­le Grund­la­ge bil­den, ab­hän­gig von der Spiel­freu­de der Be­völ­ke­rung, darf die­ser Topf unter kei­nen Um­stän­den zweck­ent­frem­det wer­den.

Eine nach­hal­ti­ge Po­li­tik für einen in­no­va­ti­ven, so­li­da­ri­schen und selbst­be­wuss­ten Kan­ton sieht an­ders aus.
Die ig­Kul­tur Ost ap­pel­liert drin­gend an den St. Gal­ler Kan­tons­rat sich sei­ner Ver­ant­wor­tung be­wusst zu sein und den Lot­te­rie­fonds nicht für Macht­spie­le zu miss­brau­chen.

Kon­takt für Rü­ck­fra­gen: Celin Fäss­ler, ig­Kul­tur Ost, in­fo@ig-kul­tur-ost.ch, +41 79 667 65 85

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